Was heißt "Fair"?

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Was heißt "fair"?

Die Idee des alternativen Handels

Handel ist seit jeher mit Übervorteilung und Ungerechtigkeit verbunden. Die Gewinne des einen beruhen auf Verlusten des anderen, und die vermeintliche Einigkeit unter Handelspartnern kommt oft nur dadurch zustande, dass äußerer Druck, Gewalt oder eine andere Zwangssituation bestimmte Akteure und Akteurinnen zum Kaufen oder Verkaufen nötigt.

Aber sogar im Welthandel, wo die eigentlichen ProduzentInnen und die EndkonsumentInnen in der Regel wenig voneinander wissen, verbreitete sich irgendwann das Bewusstsein von der Ungerechtigkeit dieses Handelssystems und von weltweiter Ausbeutung. Ins Blickfeld gerieten große Firmen, die in ehemaligen Kolonien wertvolle Rohstoffe zu Schleuderpreisen aufkauften, um sie in ihre Heimatländer zu exportieren, und auf der anderen Seite, als Ergebnis dieser Handelspolitik, sehr viele verschuldete Menschen in Afrika, Asien oder Lateinamerika, die kaum noch ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Auch das Bewusstsein von uns hier in Deutschland als Profiteure dieses Systems gehört dazu.

Aus dieser Erkenntnis entwickelte sich in den vergangenen vierzig Jahren das Bedürfnis, etwas gegen diese wahrgenommene Ungerechtigkeit zu unternehmen, zum Beispiel die mächtigen Kaffeekonzerne oder die großen Vermarktungsfirmen von Südfrüchten zu boykottieren. Es entstand Anfang der 1970er Jahre aber auch die Aktion Dritte Welt Handel (A3WH) mit der Idee, einen alternativen Handel mit Genossenschaften oder anderen Produktionskooperativen in so genannten Entwicklungsländern aufzubauen. In dieser Aktion mischten sich kirchliche, antikapitalistische, politische und karitative Gedanken. Dabei bildeten sich zwei Ziele heraus: bessere Handelsbedingungen für die Partnerkooperativen und Warenverkauf als politische Öffentlichkeitsarbeit.

Als Teil der politischen Arbeit wurden Waren aus Ländern mit alternativen Entwicklungsmodellen oder emanzipatorischen Befreiungsbewegungen ausgewählt, etwa Kaffee aus Nicaragua oder aus Tanzania, um die sandinistische Revolution bzw. den afrikanischen Sozialismus (Ujamaa) zu unterstützen. Anhand des Warenverkaufs sollte über die Ursachen von Ungerechtigkeit aufgeklärt und ein Beitrag zum Kampf gegen Abhängigkeit, Apartheid und koloniale Strukturen geleistet werden. Gleichzeitig verbesserte der alternative Handel die Lebenssituation der Kleinbäuerinnen, -bauern und Handwerksleuten, die sich zu Produktionskooperativen zusammengeschlossen hatten. Durch garantierte Mindestpreise konnten sie sich dem Schwanken der Weltmarktkurse entziehen. Bei Bedarf wurde ihre Ernte vorfinanziert, und langfristig angelegte Liefervereinbarungen ermöglichten ihnen eine vorausschauende Lebensplanung. Zusätzlich wurden durch Projektaufschläge Gemeinschaftsaufgaben wie der Bau von Schulen und Gesundheitseinrichtungen gefördert.

Vom 'alternativen' zum 'fairen' Handel

Die Anfänge des alternativen Handels waren von sehr viel Idealismus geprägt. Sogar der Kaffee, der damals von schlechter Qualität und eigentlich ungenießbar war, wurde aus Solidarität massenhaft getrunken. Es gab eine breite konsumkritische UnterstützerInnen-Bewegung, deren Haltung etwa durch den Slogan „Jute statt Plastik“ ausgedrückt wurde. Und in der Aufbruchstimmung lebte das Gefühl, tatsächlich etwas erreichen und möglicherweise das kapitalistische Wirtschaftssystem durch eine weltumspannende Graswurzelbewegung überwinden zu können. Mit diesem Idealismus war auch so manche wirtschaftliche Erschütterung oder der ökonomischen Unkenntnis geschuldete Fehlkalkulation zu verkraften.

Im Laufe der Zeit entstand aber auch das Bedürfnis, wiederkehrende Arbeitsabläufe zu strukturieren, die Anforderungen an die eigenen, besseren Handelsbeziehungen schriftlich festzuhalten und nicht zuletzt die Absatzmengen alternativ gehandelter Waren zu steigern. Besonders als die Folgen der Verschuldungskrise in den 1980er Jahren immer auffälliger wurden, forderten Teile der A3WH eine Ausweitung des Warenverkaufs auf Naturkostläden, Reformhäuser und Supermärkte. Vor dem Hintergrund knebelnder Strukturanpassungsprogramme und fallender Rohstoffpreise sei dies im Interesse der Produzentinnen und Produzenten.

Die beabsichtigte Handelsausweitung mit der Absicht, alternativ gehandelte Produkte auch im Supermarkt anzubieten, wurde bald zum Streitthema in der Bewegung. Dass der Bildungsanspruch des alternativen Handels hierbei hinter Umsatzerwägungen zurückstehen musste, wurde heftig kritisiert, auch von Verrat an der Grundidee der Bewusstseinsbildung durch Warenhandel war die Rede. 1989 startete die Importorganisation gepa damit, ihre Produkte auch über Versandhandel und Supermarktketten zu verkaufen. Da zeitgleich auch politische Perspektiven durch Rückschläge wie etwa die sandinistische Wahlniederlage 1990 in Nicaragua in Wanken gerieten, leitete dieser Schritt eine Umorientierung und Akzentverschiebung der A3WH ein.

Kriterien der Konvention der Weltläden

In der Folgezeit stand der Warenhandel stärker im Blickfeld. Um den Verkauf in Weltläden von Supermarktgeschäften abzugrenzen, wurden Kriterien formuliert und in einer Konvention der Weltläden festgeschrieben, die für einen „fairen“ Handel erfüllt sein müssen. Diese Kriterien beziehen sich auf alle Glieder der Handelskette von den ProduzentInnen über die Importorganisationen bis zu den Weltläden und Aktionsgruppen; sie umfassen:

  • Sozial- und Umweltverträglichkeit im gesamten Herstellungs- und Vermarktungsprozess
  • wechselseitige Transparenz über Organisationsform, Entscheidungsstruktur, finanzielle Situation, Handelswege, Preiskalkulation und so weiter
  • Demokratische Strukturen: Mitbestimmung aller Mitarbeitenden unabhängig von formalrechtlichen Strukturen
  • Non-Profit: Gewinnmaximierung nicht als Ziel
  • Informations- und Bildungsarbeit zu Produkten, ProduzentInnen, Herkunftsländern, Handelswegen und Rahmenbedingungen des Welthandels
  • Kontinuität um echte Partnerschaft zu erreichen
  • entsprechende Regeln für Ergänzungsprodukte, deren Hauptrohstoffe nicht aus sogenannten „Entwicklungsländern“ sind

Die Konvention der Weltläden bildet bis heute die Arbeitsgrundlage aller im Weltladen-Dachverband zusammengeschlossenen Läden und Aktionsgruppen. Auch einige andere Weltläden orientieren sich an diesen Kriterien, zum Beispiel das Weltladencafé Göttingen. Diese Kriterien werden aber nicht als ausschließliche Checkliste behandelt. Wenn ein Projekt, eine Importorganisation oder ein Weltladen eines der Kriterien nicht ganz erfüllt, gibt es Interpretationsspielräume um die gemeinsame politische Intention zu erkennen und den Handel gegebenenfalls mit Einschränkungen durchzuführen. Bei der Importorganisation El Puente tagt beispielsweise in regelmäßigen Abständen der „Projektpartner-Ausschuss“, um über die Einhaltung der Kriterien zu beraten und Empfehlungen auszusprechen.


Transfair und die verschönerte Fassade der Ausbeutung

1992 wurde der Verein Transfair gegründet, der seitdem als zusätzlicher Akteur im sogenannten „fairen Handel“ mitmischt. Transfair importiert keine Waren und betreibt auch keine Verkaufsstellen. Stattdessen zeichnet er Produkte mit einem „fair trade“-Siegel aus, wenn die vermarktenden Firmen beim Import der Rohstoffe bestimmte Bedingungen erfüllen. Angefangen mit Kaffee gibt es das „fair trade“-Siegel inzwischen auch für Tee, Kakao, Zucker, Bananen und eigentlich das gesamte Lebensmittelsortiment der Weltläden. Firmen, die das Siegel für ihre Produkte verwenden möchten, müssen die entsprechenden Kriterien erfüllen und eine Lizenzgebühr an Transfair bezahlen. Danach gelten ihre Waren als „fair gehandelt“.

Dieses Prinzip ist in mehrfacher Hinsicht kritikwürdig:

  • Festgeschriebene Kriterien ohne verbindende politische Ziele neigen dazu, umgangen, ausgehebelt oder nur auf Minimalniveau befolgt zu werden. Firmen, die das „fair trade“-Siegel als reine Werbemaßnahme betrachten, ansonsten aber ihre Produktionskosten möglichst tief senken wollen, interessieren sich nicht dafür, ob ihre Lieferanten den Handel ebenfalls als „fair“ bezeichnen würden. Besonders bei diesen einseitig definierten Kriterien kann hier nicht von „Fairness“ gesprochen werden.
  • Bei konkreten Produkten fallen die Mindestanforderungen, die Transfair erwartet, geringer aus als bei alternativen Importorganisationen. Zum Beispiel beträgt der Mindestpreis pro Libra (453,6 g) Bio-Arabica Rohkaffee bei Transfair 155 US-Cent, während die Importgemeinschaft MITKA dafür mindestens 165 US-Cent bezahlt (Stand: Mitte 2008).
  • Bei der Transfair-Initiative geht es vorrangig um Produkte, die in Supermärkten verkauft werden. Dabei reduziert sich der Aspekt, einen gerechteren Handel zu schaffen, auf die Rahmenbedingungen der Produktion und Lieferkette. Eine hintergründige Information über Welthandel und Lebensbedingungen in anderen Ländern findet nicht statt.
  • Die meisten Firmen, die das „fair trade“-Siegel benutzen, zeichnen damit nur eine ihrer Produktlinien aus, während sie ihren Hauptumsatz nach wie vor über konventionell gehandelte Waren erzielen. Damit lenken sie einerseits von ihrem Image als Profiteure der Welthandels-Ausbeutungsbedingungen ab. Gleichzeitig verdienen sie aber auch daran, dass für Produkte mit „fair trade“-Siegel ein höherer Preis verlangt werden kann. Denn dieser Preisaufschlag kommt nur zum Teil den ProduzentInnen zugute.

Trotzdem wird das Transfair-Siegel oft als Garant für fairen Handel angesehen, und es ist deutlich bekannter als so manche alternative Importorganisation. In gut gemeinten Werbekampagnen wird das „fair trade“-Siegel sogar manchmal als einzige Option für fairen Handel angepriesen. Zum Beispiel war die von der Bundesregierung unterstützte „fair-feels-good“ Kampagne 2004 nicht bereit, Waren von El Puente in ihre Werbung miteinzubeziehen, obwohl diese zu besseren Bedingungen gehandelt wurden als die Vergleichsprodukte mit Transfair-Siegel.

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